WCAG klingt nach Norm-Bürokratie, ist aber im Kern erstaunlich praktisch. Die Web Content Accessibility Guidelines beschreiben, wie digitale Inhalte für möglichst viele Menschen nutzbar werden. Auch für jene, die nicht sehen, nicht hören oder keine Maus bedienen können.
Seit dem 5. Oktober 2023 ist die Version WCAG 2.2 offizielle W3C Recommendation, also der aktuelle Standard. In diesem Ratgeber bekommst du die wichtigsten Kriterien verständlich erklärt, mit Fokus auf die in der EU relevante Stufe AA.
Warum die WCAG für dich relevant sind
Die WCAG sind nicht nur eine Empfehlung. Über die EN 301 549 sind sie der technische Maßstab, auf den sich europäische Gesetze stützen. Wenn der European Accessibility Act und das Barrierefreiheitsgesetz Barrierefreiheit verlangen, landest du am Ende immer bei den WCAG auf Stufe AA. Wer wissen will, ob er konkret betroffen ist, liest unseren Ratgeber zur Barrierefreiheits-Pflicht in Österreich.
Die vier POUR-Prinzipien
Alle Anforderungen gliedern sich unter vier POUR-Prinzipien. Diese sind das Gerüst, an dem alles hängt:
- Perceivable (Wahrnehmbar): Inhalte müssen über mehr als einen Sinn erfassbar sein. Bilder brauchen Alternativtexte, Videos brauchen Untertitel.
- Operable (Bedienbar): Alles muss sich auch ohne Maus bedienen lassen. Tastaturbedienbarkeit ist Pflicht.
- Understandable (Verständlich): Texte und Bedienung müssen nachvollziehbar sein. Fehlermeldungen erklären, was zu tun ist.
- Robust: Inhalte funktionieren mit unterschiedlicher Technik, auch mit einem Screenreader. Semantisches HTML ist hier der Schlüssel.
Jedem Prinzip sind konkrete Erfolgskriterien zugeordnet. Diese sind in drei Konformitätsstufen eingeteilt: A, AA und AAA. Für die rechtliche Praxis zählt AA.
Was bei Stufe AA besonders wichtig ist
Einige Kriterien tauchen in fast jedem Projekt als Stolperstein auf. Diese solltest du kennen:
Ausreichender Farbkontrast
Text muss sich klar vom Hintergrund abheben. Das Kontrastverhältnis für normalen Text liegt bei mindestens 4,5 zu 1, für großen Text bei 3 zu 1. Hellgraue Schrift auf weißem Grund ist der Klassiker unter den Fehlern.
Sichtbarer Fokus
Wer per Tastatur navigiert, muss sehen, wo er gerade steht. Der Fokus-Indikator darf nicht weggeblendet werden. Genau hier setzt eines der neuen Kriterien an.
Aussagekräftige Alternativen
Bilder, die Information tragen, brauchen einen Alternativtext, der diese Information vermittelt. Rein dekorative Bilder bekommen einen leeren Alt-Text, damit der Screenreader sie überspringt.
Die neun neuen Kriterien in WCAG 2.2
WCAG 2.2 ergänzt die Vorgängerversion WCAG 2.1 um neun neue Erfolgskriterien. Die Versionen sind abwärtskompatibel: Wer 2.2 erfüllt, erfüllt automatisch auch 2.1 und 2.0. Diese Neuerungen sind für die Praxis besonders relevant:
- Focus Appearance (AA): Der Tastaturfokus muss deutlich sichtbar sein, mit ausreichender Größe und Kontrast. Konkret mindestens ein Kontrast von 3 zu 1 zur Umgebung.
- Focus Not Obscured (AA): Das fokussierte Element darf nicht komplett von anderen Inhalten verdeckt werden, etwa von einem klebrigen Cookie-Banner.
- Target Size Minimum (AA): Klickziele müssen mindestens 24 mal 24 CSS-Pixel groß sein, mit Ausnahmen. Das hilft Menschen mit motorischen Einschränkungen.
- Dragging Movements (AA): Aktionen, die eine Ziehbewegung erfordern, brauchen eine einfachere Alternative, etwa einen Klick.
- Consistent Help (A): Hilfeangebote wie eine Kontaktmöglichkeit erscheinen an einer konsistenten Stelle.
- Accessible Authentication (AA): Anmeldevorgänge dürfen keinen kognitiven Test erfordern, etwa das Merken komplexer Zeichenfolgen ohne Hilfsmittel.
- Redundant Entry (A): Bereits eingegebene Informationen müssen nicht erneut eingegeben werden.
So prüfst du WCAG 2.2 in der Praxis
Ein automatisches Tool ist ein guter Startpunkt, aber kein Endpunkt. Es erkennt fehlende Alt-Texte oder schwache Kontraste zuverlässig. Bei der Frage, ob ein Alt-Text auch sinnvoll ist oder ob die Tastaturreihenfolge logisch verläuft, versagt die Maschine. Das ist der Unterschied zwischen automatischem und manuellem Test.
Ein bewährter Ablauf: Erst ein Scan für die offensichtlichen Fehler, dann ein manueller Durchgang mit Tastatur und Screenreader. Für eine formale Bewertung eignet sich ein strukturierter BITV-Test. Hilfreiche Werkzeuge sammelt unsere Tool-Übersicht.
Fazit
WCAG 2.2 AA ist kein Hexenwerk. Die vier POUR-Prinzipien geben die Richtung vor, die Konformitätsstufe AA den rechtlich relevanten Rahmen. Die neun neuen Kriterien drehen sich vor allem um Fokus, Klickziele und einfachere Bedienung. Wer Kontraste, Tastaturbedienung und sinnvolle Alternativtexte im Griff hat, deckt bereits einen großen Teil ab.
Du willst wissen, wo deine Website bei WCAG 2.2 steht? Wir prüfen sie und zeigen dir konkrete Schritte. Sieh dir unsere Leistungen an oder nimm direkt Kontakt auf. Wenn du dein Team fit machen willst, lohnt sich ein Blick auf unsere Schulungen.
