„Meine Website soll barrierefrei werden“ – dieser Satz löst bei vielen erst mal Ratlosigkeit aus. Wo fängt man an? Was gehört dazu? Reicht ein Plugin? Die ehrliche Antwort: Es ist kein einzelner Schalter, aber auch kein Hexenwerk. Mit einem klaren Fahrplan wird aus dem unübersichtlichen Berg eine abarbeitbare Liste.
In diesem Artikel führe ich dich durch die Schritte, die ich bei jedem Barrierefreiheits-Projekt gehe – von der Bestandsaufnahme bis zur fertigen Erklärung. So weißt du, was auf dich zukommt.
Schritt 1: Den Ist-Zustand ehrlich erfassen
Du kannst nichts verbessern, was du nicht kennst. Am Anfang steht deshalb eine Bestandsaufnahme: Wo steht deine Seite heute? Eine Kombination aus automatischen Tools (axe DevTools, Lighthouse) und manueller Prüfung zeigt die Lücken. Wichtig ist die manuelle Komponente – automatische Tests finden nur etwa ein Drittel der Barrieren. Den Rest entdeckt man nur, indem man die Seite tatsächlich mit Tastatur und Screenreader bedient.
Ergebnis dieses Schritts ist eine priorisierte Liste: Was ist kritisch, was ist wichtig, was ist Feinschliff.
Schritt 2: Die Grundlagen zuerst
Manche Maßnahmen wirken auf der ganzen Seite und haben großen Effekt. Die geht man zuerst an.
Dazu gehören ausreichende Farbkontraste (mindestens 4,5:1 für normalen Text), eine saubere Überschriften-Hierarchie als Gerüst der Seite, eine durchgängige Tastatur-Bedienbarkeit mit sichtbarem Fokus und sinnvolle Alt-Texte für Bilder. Diese vier Punkte allein bringen dich ein großes Stück voran und betreffen praktisch jede Seite.
Schritt 3: Die interaktiven Elemente
Als Nächstes kommen die Stellen, an denen Besucher etwas tun. Formulare brauchen echte, verknüpfte Labels und verständliche Fehlermeldungen im Klartext. Menüs, Slider, Popups und Akkordeons müssen mit der Tastatur bedienbar und für Screenreader nachvollziehbar sein. Genau hier stecken bei aufwendigen Layouts die meisten Probleme – und genau hier entscheidet sich oft, ob jemand Kontakt aufnimmt oder abbricht.
Schritt 4: Inhalte und Sprache
Barrierefreiheit ist nicht nur Technik. Auch Inhalte gehören dazu: aussagekräftige Linktexte statt „hier klicken“, verständliche Sprache, klare Struktur, sinnvolle Beschriftung von Schaltflächen. Videos brauchen Untertitel, wichtige Dokumente sollten ebenfalls zugänglich sein. Dieser Schritt wird oft vergessen, ist aber für die tatsächliche Nutzbarkeit zentral.
Schritt 5: Testen mit echten Hilfsmitteln
Nach den Korrekturen wird erneut geprüft – diesmal gründlich. Die ganze Seite einmal nur mit der Tastatur bedienen. Mit einem Screenreader durchgehen. Auf verschiedenen Geräten und Bildschirmgrößen kontrollieren. Erst dieser Praxistest zeigt, ob die Maßnahmen wirklich greifen oder nur im Tool grün leuchten.
Schritt 6: Die Barrierefreiheitserklärung
Zum Abschluss kommt die formale Seite: eine Erklärung beziehungsweise Informationen zur Barrierefreiheit, je nachdem, ob du öffentliche Stelle oder Unternehmen bist. Sie beschreibt den Stand, benennt bekannte Einschränkungen ehrlich und bietet einen Kontakt für Rückmeldungen. Sie gehört gut auffindbar in den Footer – und muss selbst barrierefrei sein.
Schritt 7: Dranbleiben
Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt. Jeder neue Inhalt, jedes neue Plugin, jede Änderung kann neue Barrieren schaffen. Deshalb gehört Barrierefreiheit in den laufenden Betrieb: neue Bilder bekommen Alt-Texte, neue Seiten werden sauber strukturiert, regelmäßig wird nachkontrolliert. Am leichtesten ist es, wenn es von Anfang an zur Routine wird.
Der einfachere Weg: gleich richtig bauen
Nachträglich Barrieren zu beseitigen ist mühsamer, als von Anfang an sauber zu bauen. Wenn ohnehin ein Relaunch ansteht, ist das der ideale Zeitpunkt: Auf einer schlanken, sauberen Basis ist Barrierefreiheit kaum Mehraufwand, während sie beim Nachrüsten einer verschachtelten Alt-Seite schnell aufwendig wird. Wer neu baut, sollte Barrierefreiheit deshalb nicht als Extra, sondern als Standard einplanen.
FAQ
Wie lange dauert es, eine Seite barrierefrei zu machen?
Das hängt vom Ausgangszustand ab. Eine sauber gebaute Seite braucht oft nur gezielte Korrekturen, eine alte, verschachtelte deutlich mehr. Die Analyse am Anfang gibt eine realistische Einschätzung.
Reicht ein Accessibility-Plugin oder Overlay?
Nein. Overlays, die per Klick angeblich alles barrierefrei machen, lösen die Probleme nicht und werden von Betroffenen oft als störend empfunden. Echte Barrierefreiheit entsteht im Code und in den Inhalten.
Muss ich gleich alles auf einmal machen?
Nein. Mit der priorisierten Liste arbeitest du das Wichtigste zuerst ab. Schon die Grundlagen bringen viel. Wichtig ist, anzufangen und dranzubleiben.
Brauche ich dafür einen Spezialisten?
Für die ehrliche Analyse und die kniffligen Stellen lohnt sich Erfahrung. Vieles im laufenden Betrieb – Alt-Texte, gute Linktexte – kannst du nach einer Schulung selbst übernehmen.
Dein nächster Schritt
Der erste und wichtigste Schritt ist die ehrliche Bestandsaufnahme. Genau das liefert mein Barrierefreiheits-Audit: eine klare Standortbestimmung mit priorisierter Maßnahmenliste. Auf dieser Basis lässt sich der Rest des Fahrplans planbar abarbeiten. Als zertifizierter Web Accessibility Expert begleite ich dich dabei – und wenn ohnehin ein Relaunch ansteht, bauen wir Barrierefreiheit gleich von Grund auf ein.
